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02.02.2020

Schulsenator Ties Rabe im Bergedorfer Interview

Bergedorf extra: Senator Rabe, Sie sind mittlerweile der dienstälteste Schulminister in Deutschland. Sie gestalten ein schwieriges Politikfeld und sind auch noch Sprecher und Koordinator aller SPD-Bildungsminister. Macht es noch Spaß?

Ties Rabe: Spaß ist der falsche Begriff. Aber ich mache meine Arbeit sehr gern und freue mich eigentlich immer auf meinen nächsten Arbeitstag.

Bergedorf extra: Was haben sie denn bisher verändert?

Ties Rabe: Es gibt mehr Lehrkräfte und Pädagogen, deutlich höhere Investitionen in den Schulbau, für jedes Kind einen Ganztagsschulplatz und viele Maßnahmen für besseren Unterricht. Das alles wirkt. Hamburgs Schülerinnen und Schüler haben sich bei den bundesweiten Leistungstests deutlich verbessert und damit für Aufsehen gesorgt. Das macht uns Mut und spornt uns an. Denn wir können und wollen die Bildung in Hamburg weiter verbessern.

Bergedorf extra: Es wird oft gesagt, dass mit Ihnen das Leistungsprinzip in das Hamburger Schulsystem zurückgekehrt ist.

Ties Rabe: Wenn das gesagt wird, freut es mich. Ich finde Leistung wichtig. Wir wollen Kinder und Jugendliche auf das Leben in unserer anspruchsvollen Leistungsgesellschaft vorbereiten. Und wir wissen doch alle, dass unser Wohlstand, unsere Lebensqualität, unser technischer Fortschritt, und unsere schöne Stadt nicht durch lange Ferienzeiten entstanden sind. Leistung darf keine Last sein, aber Freude am Lernen und Freude an der Leistung sind wichtig.

Bergedorf extra: In Sachen Lesen, Schreiben und Rechnen standen Hamburgs Schülerinnen und Schüler im bundesweiten Vergleich lange ganz hinten.

Ties Rabe: Wir kommen deutlich voran. Die bundesweiten Leistungstests bescheinigen Hamburgs Schülerinnen und Schülern seit 2011 erhebliche Verbesserungen. Kein einziges Bundesland hat jemals solche Fortschritte erzielt.

Bergedorf extra: Auf welchen Plätzen stehen Hamburgs Schüler im Bundesländervergleich?

Ties Rabe: Am besten sind wir in Englisch, wo wir von Platz 5 auf Platz 2 vorgerückt sind. Nach wie vor mäßig sieht es in Mathematik aus, wo wir von Platz 14 nur auf Platz 13 vorgerückt sind. Da ist noch viel zu tun, auch wenn unsere Neuntklässler immerhin Schleswig-Holstein überholt haben. Sehr ordentlich sind dagegen die Ergebnisse in Deutsch, wo Hamburgs Schülerinnen und Schüler durchschnittlich von Platz 14 auf Platz 7 vorgerückt sind, obwohl in 27 Prozent aller Familien nicht Deutsch gesprochen wird.

Bergedorf extra: Diese Fortschritte haben bundesweit für viel Aufsehen gesorgt. So fragt die Frankfurter Allgemeine Zeitung „Warum gelingt an der Elbe, was bei den anderen beiden Stadtstaaten in weiter Ferne zu liegen scheint?“ Das Handelsblatt spricht von einem Hamburger „Bildungswunder“. Und die Süddeutsche Zeitung schreibt: „Hamburgs Schulsystem war lange ein Sorgenkind, seit einigen Jahren aber geht es steil bergauf. Das hat viel mit Bildungssenator Ties Rabe zu tun...“. Stimmt das?

Ties Rabe: Es ist zumindest nicht gegen meinen Willen passiert...

Bergedorf extra: Und wie konnte das gelingen?

Ties Rabe: Wir setzen auf guten Unterricht. Und deshalb muss zuerst einmal Schluss sein mit den ideologischen Grabenkämpfen und den Gewaltreformen. Deshalb haben wir in Hamburg die lähmenden Kämpfe um ein anderes Schulsystem – zum Beispiel um die sechsjährige Grundschule oder der Hauptschule – beendet und den Schulfrieden vereinbart. Das gibt den Schulen Ruhe und Kraft, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Bergedorf Extra: Das ist alles?

Ties Rabe: Die nächste Veränderung: Wir haben die Klassen verkleinert, wir haben zusätzliche Förderstunden, kostenlosen Nachhilfeunterricht und mehr Unterrichtsstunden eingeführt. Deshalb haben wir auch erheblich mehr Pädagogen eingestellt. Seit 2011 stieg die Schülerzahl um 13 Prozent, aber wir haben die Zahl der Pädagogen an den Schulen um 35 Prozent angehoben. Das ist die Grundlage für mehr Qualität in Schule und Unterricht.

Bergedorf Extra: Schulfrieden und mehr Personal – das klingt einfach.

Ties Rabe: Ist es aber nicht. Denn das dritte Element ist ein Qualitätsmanagement mit den Bausteinen Beratung, Überprüfung und Schulung. Drei Schulinspektionen prüfen regelmäßig die Schulqualität und erörtern anschließend kollegial mit den Schulvertretern Verbesserungsvorschläge. Und alle zwei Jahre schreiben Hamburgs Schülerinnen und Schüler einen wissenschaftlichen Test. Dank der Ergebnisse können Lehrkräfte schnell erkennen, in welcher Schule und welcher Klasse gut gelernt wurde und wo noch etwas zu tun ist. Ergänzt werden diese Beratungen und Überprüfungen durch Schulungen für Lehrkräfte und klarere Vorgaben für bestimmte Lernmethoden.

Bergedorf Extra: Zählt dazu auch die Methode Lesen durch Schreiben?

Ties Rabe: Diese Methode wird so oft missverstanden und falsch angewendet, dass sie viel Unheil angerichtet hat. Hamburg legt von Anfang an großen Wert auf richtige Rechtschreibung und hat diese Methode untersagt.

Bergedorf Extra: Wie geht es in diesem Bereich weiter?

Ties Rabe: Wir werden uns in den nächsten Jahren vor allem auf das Lesen und das Fach Mathematik konzentrieren. Lesen muss man gezielt üben, deshalb will ich jetzt schrittweise an allen Schulen Lese-Übungszeiten und bestimmte Übungsmethoden einführen. Und in Mathematik braucht es ein ganzes Maßnahmenbündel: Dazu zählen eine bessere Frühförderungen in der Vorschule und mehr Unterricht in Klasse 11 der Stadtteilschulen, aber auch gezielte Nachhilfeangebote und Begabtenkurse.

Bergedorf Extra: Geht es in der Schule denn nur um das Lernen?

Ties Rabe: Lernen ist besonders wichtig, aber die Schule wandelt sich von der reinen Unterrichtsanstalt zu einem Ort, an dem Kinder den ganzen Tag verbringen und neben dem Unterricht auch Freizeit- und Spielangebote suchen.

Bergedorf Extra: Haben Sie darauf reagiert?

Ties Rabe: Und wie. Zu Beginn meiner Amtszeit hatte nur ein Viertel aller Grundschulen am Nachmittag gute Betreuungsangebote. In jedem Jahr kamen zwei neue Grundschulen hinzu. In diesem Schneckentempo hätte der Ausbau bis zum Jahr 2085 gedauert. Deshalb haben wir Tempo gemacht: Seit 2015 bieten alle 200 Hamburger Grundschulen kostenlose Ganztagsbetreuung bis 16 Uhr an, zusätzlich gegen geringe Gebühren auch Betreuung in den Ferienzeiten und in den Randzeiten vor acht Uhr und nach 16 Uhr. Das Angebot ist fast immer freiwillig, denn ich respektiere es, wenn Eltern ihre Kinder nachmittags zu Hause haben wollen.

Bergedorf Extra: Und wie wird das Angebot angenommen?

Ties Rabe: Der Erfolg ist umwerfend. Fast 85 Prozent aller Grundschulkinder bleiben nachmittags gern in der Schule. Hamburg liegt damit weit vor den anderen Bundesländern. Dort soll der Hamburger Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung erst ab dem Jahr 2025 schrittweise eingeführt werden.

Bergedorf Extra: Hamburgs Schülerzahl wächst. Wie wollen sie darauf reagieren?

Ties Rabe: Bis 2030 erwarten wir 25 Prozent mehr Schülerinnen und Schüler. Und bereits in den letzten sieben Jahren waren 13 Prozent dazugekommen. Das sollte uns freuen: Hamburg ist eine familien- und kinderfreundliche Stadt geworden. Unsere Antwort: Wir erweitern viele Schulen mit schönen, neuen Schulgebäuden und werden zusätzlich 43 neue Schulen bauen, davon sieben im Bezirk Bergedorf. Dafür haben wir die Investitionen in den Schulbau mehr als verdoppelt. Wurden von 2000 bis 2010 durchschnittlich rund 155 Millionen Euro in den Schulbau investiert, sind es seit Beginn meiner Amtszeit über 360 Millionen pro Jahr.

Bergedorf Extra: Haben wir auch genug Lehrkräfte?

Ties Rabe: Wir wollen die Zahl der Lehrkräfte um 3.000 erhöhen. Denn wir wollen die kleinen Klassen und die vielen Förderangebote in Hamburg beibehalten. Um genügend Lehrkräfte zu gewinnen, haben wir die Zahl der Referendariatsplätze um 40 Prozent erhöht und werden auch die Zahl der Studienplätze deutlich anheben. Dennoch wird es nicht leicht. Um den Bedarf zu decken, müsste jeder zehnte Hamburger Abiturient künftig Lehrer werden. Doch Hamburgs Schulen profitieren davon, dass viele Menschen aus anderen Regionen Deutschlands gern in Hamburg leben und arbeiten wollen. Denn Hamburg ist eine attraktive Stadt, bietet gute Arbeitsbedingungen und zahlt gute Gehälter für Lehrkräfte.

Bergedorf Extra: Es gibt praktisch kein Freizeit-, Bildungs- und Berufsangebot mehr, in dem man ohne Computerkenntnisse auskommt. Werden unsere Schülerinnen und Schüler gut auf das Leben in der digitalen Welt vorbereitet?

Ties Rabe: Hamburgs Schulen haben im Bundesvergleich die beste Computer-Ausstattung. Aber das heißt nicht viel, hier müssen alle Schulen besser werden. Mein Ziel ist es, dass die Schülerinnen und Schüler in jedem Unterrichtsfach genau so selbstverständlich mit Computern arbeiten können wie sie auch weiterhin Schulbuch, Arbeitsheft und Füller einsetzen. Wann Computer eingesetzt werden, entscheiden die Lehrkräfte je nach Thema und Aufgabenfeld.

Bergedorf Extra: Davon sind wir aber noch weit entfernt.

Ties Rabe: Das wollen wir ändern. In den nächsten fünf Jahren sollen alle 13.000 Unterrichtsräume der Hamburger Schulen mit einer modernen digitalen Tafel ausgestattet werden. Zudem werden wir alle Klassenräume mit WLAN ausstatten und zahlreiche Schulcomputer anschaffen. Schon jetzt haben die Schulungen für die Lehrkräfte begonnen. Die flächendeckende Einführung von Computern und Digitaltechnik in jedem Unterrichtsfach ist ein langer Weg. Aber wir müssen endlich anfangen. Hamburg wird dafür in den nächsten fünf Jahren rund 150 Millionen Euro investieren.

Bergedorf Extra: Warum ist das eigentlich so wichtig? Kann man nicht auch ohne Computer lesen und schreiben lernen?

Ties Rabe: Das kann man. Aber man kann nicht ohne Computer das Leben, Lernen und Arbeiten in unserer modernen Welt erlernen. Viele Studien zeigen, dass die meisten Kinder mittlerweile ein Smartphone haben, aber die wenigsten nutzen es, um sich zu informieren oder um zu lernen. WhatsApp, chatten und Musik hören – das können fast alle Kinder und Jugendlichen. Aber die wenigsten wissen, wie sie Computer zur Weiterbildung und Informationsgewinnung einsetzen können. Die wenigsten finden sich im Internet wirklich zurecht. Wenn wir aber unseren Kindern das nicht beibringen, dann werden sie zu digitalen Analphabeten und in Studium und Beruf größte Schwierigkeiten haben.

Bergedorf Extra: Senator Rabe, wir danken Ihnen für das Gespräch.