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Nils Springborn,
16.11.2020

Schule in Zeiten von Corona: „Ist doch egal – Hauptsache wir sind hier!“

Eines vorweg: In diesem Text schreibt kaum der „Abgeordnete Springborn“. In erster Linie spricht hier ein Lehrer einer Hamburger Stadtteilschule, der in den vergangenen Wochen wieder einmal merken durfte, dass dieser Beruf der schönste und wichtigste überhaupt ist.

In Fernsehen, Zeitung, Radio und im Bekanntenkreis stellt sich eine Frage: Sollten wir die Schulen mitten in einer Pandemie offenhalten oder die Schüler*innen lieber wieder in den Fernunterricht schicken?

Die letzten Monate haben mir mit Nachdruck gezeigt: Es gibt noch immer eine große Spaltung in unserer Gesellschaft und diese wirkt in diesen Zeiten besonders auf die Bildungschancen unserer Kinder ein. Die Kluft zwischen optimalen und miserablen Lernbedingungen, vor allem in den eigenen vier Wänden, versetzt uns in die Position, Verantwortung zu übernehmen.

Wer über einen möglichen Fernunterricht philosophiert, denkt schnell an Schüler*innen, die im Kinderzimmer sitzen, das Englisch-Buch neben dem Laptop und das Wörterbuch griffbereit. Die wochenlange Realität meiner Schüler*innen im Frühjahr sah oft anders aus: Fünf Personen in einer 2 ½-Zimmer-Wohnung, drei Kinder teilen sich das Kinderzimmer. Ein Kind darf nicht in die Kita und spielt, eines guckt Fernsehen und eines will Englisch lernen. Ohne Wörterbuch, ohne eigenen Schreibtisch, dann eben auf dem Bett. Hamburg hat diese
Herausforderungen erkannt: Es ist unbestritten eine große Leistung, wie schnell und unkompliziert Hamburg die Schulen mit Laptops, Tablets und Co. ausgestattet hat. Im Falle eines neuen Fernunterrichts können wir die Schüler*innen ausstatten.

Damit ist dann für den Unterricht zuhause alles klar? Mitnichten! Wer anerkennt, was Schule für die Schüler*innen bedeutet, sieht ein, dass Schule nicht einfach nach Hause verlegt werden kann: Schule ist ein Treffpunkt, ein Ort des Austauschs und der Sozialisation. In der Schule gibt es Arbeitsplätze, Arbeitsmaterial, Struktur, Regeln. Es gibt Lehrer*innen, die Aufgaben und Wörter erklären können. Es gibt Erzieher*innen, Sonder- und Sozialpädagog*innen, die unterstützen, helfen und beraten. Das alles klingt für viele selbstverständlich, doch in vielen Lebensrealitäten ist das zuhause nicht denkbar.

Sagen wir es deutlich: Wohnverhältnis, Ausstattung und Sprachkenntnis im Elternhaus waren im Fernunterricht wesentliche Kriterien für Bildungserfolg und Lernchancen. Das schmerzt die sozialdemokratische Überzeugung, für Bildungsgerechtigkeit zu kämpfen. Das steht unserer Leitidee „Aufstieg durch Bildung“ entgegen!

Ich war heilfroh, als ich alle meine (damals Fünftklässler) wieder regelmäßig sehen konnte. Mit großen Sorgen erklärte ich also meinen Schüler*innen, dass jetzt vieles anders ist. Weniger Pausenangebote, eingeteilte Jahrgangsbereiche auf dem Schulhof, inzwischen Masken und dicke Jacken fürs Lüften. Es berührte mich, als mich eine Schülerin angrinste: „Ach, Herr Springborn, ist doch egal. Hauptsache, wir sind hier!“ Bis heute bin ich beeindruckt, wie die Schüler*innen all diese Regeln, all dies Neue umsetzen. Und das zeigt: Sie wollen nicht nur lernen. Sie wollen vor allem eins: In die Schule!

Schüler*innen so lange, wie es vertretbar ist, einen Zugang zur Schule zu gewähren, ist eine Frage der Gerechtigkeit. Im Wahlkampf hatten wir stolz „die ganze Stadt im Blick“. Lasst uns nun nicht die Lebensrealitäten in der Stadt aus dem Blick verlieren, die keine Lobby haben. Wir müssen die Stimme der Bildungsgerechtigkeit sein, wir müssen die Stimme dieser Lebensrealitäten sein. Wenn wir nicht für diese Familien und Kinder sprechen, werden sie in der politischen Landschaft nicht gehört werden. Wer über Fernunterricht diskutiert, sollte eines beachten: Schule ist mehr als Lernen und Sozialkontakte. Schule ist heute mehr denn je einen Weg zu Gerechtigkeit, Bildungs- und Lebenschancen. Halten wir den Weg frei.